Wie es begann 2017-03-09T08:24:32+00:00

Höhenflug

Höhenflug

erzählt von Roshan

Wie ist Cala Jami entstanden?
Wie werden Träume wahr?
Es ist sicher was dran an der Idee, dass wir unsere Wirklichkeit selbst schaffen. Wenn wir wissen, was wir wirklich wünschen, wenn wir fühlen, wohin unser Herz sich entfaltet, wenn das Feuer der Begeisterung stark und der Mut groß ist, dann können wir viele Hindernisse überwinden. Und dient unser Vorhaben dann noch einem größeren Zweck als unserem persönlichen Interesse, so mag es geschehen, dass sich der Weg vor uns trotz aller Hindernisse so deutlich entfaltet, als würde er immer wieder von unsichtbaren Helfern bereitet.

Sardinien ist eine besondere Insel, sie vermag Herzen zu entflammen und echte Sehnsucht zu wecken.

Nachdem ich als junge Frau mehrere Jahre als Hirtin und Gemüsegärtnerin in der stillen Natur in Sardiniens wildem Innenland verbracht hatte und dann schweren Herzens fortzog, sandte die Insel mir zehn Jahre lang intensive Träume, mit Farben und Naturbildern, die lebendiger als im Wachzustand schienen.

Sardinien rief mich zurück. Die Träume endeten erst, als ich endlich nach zehn Jahren wieder meinen Fuß auf die Insel setzen konnte. Es folgten mehrere Urlaubsaufenthalte, die alle eine Freude waren, aber zu kurz. Ich lebte und arbeitete in Deutschland. Ich sehnte mich nach der Rückkehr auf die Insel, nach einem naturnahen, ganzheitlichen Leben auf Sardinien, mit eigenem Gemüsegarten im Einklang mit den Elementen.

Im Oktober 2004 machte ich mit Gerhard, meinem langjährigen Lebensgefährten, wieder einmal Urlaub auf der Insel, diesmal im Nordosten in einer Gegend, die uns ganz besonders gefiel. Mehr aus Spaß fragten wir Laura, die die schöne Ferienanlage betrieb, wo wir per Zufall gelandet waren, ob sie nicht ein Grundstück wisse, das zum Verkauf stünde. Sogleich gab sie uns eine Telefonnummer. Ich rief diesen Herrn an, ein älterer Sarde, den wir beim Treffen als erstes nach dem Preis fragten. Als er ihn nannte, wollten wir uns gleich wieder verabschieden. Doch er bestand darauf uns das Grundstück zu zeigen. Wir gingen mehr aus Zeitvertreib mit. Während er uns durch die Landschaft kutschierte, staunte ich, wie wunderschön es wurde, immer schöner je weiter wir fuhren. An dem Grundstück angekommen, war ich völlig hin und weg. Es war für mich Liebe auf den ersten Blick, das Tal schien ein Herzstück Sardiniens. Ich saß dort mitten zwischen den Bäumen und uralten Felsen und konnte es nicht fassen. Es fühlte sich an wie Heimat, wie das Land meiner Träume. Ich bat den Besitzer, die Kauf-Option drei Wochen lang zu reservieren, auch wenn der Preis hoch schien, denn es gab noch kein Haus.

Rasch kam mir die Idee, an diesem Platz ein ökologisches und spirituelles Sufi-Zentrum zu gründen, naturnah und einfach. Mit einer Einweg-Kamera machte ich eine Reihe Fotos. Zurück in Deutschland, sprach ich auf einem Sufi-Treffen mit einer Freundin über das Projekt, sie gab mir den wertvollen Tipp, es mit finanzieller Beteiligung mehrerer Interessenten zu versuchen. Voller Begeisterung erzählte ich gleich allen beim Sufi-Treffen von diesem Traum, der Wirklichkeit werden sollte, und entwarf dann ein Schreiben, stellte die besten der Fotos zusammen, vervielfältigte das Ganze und verschickte diesen Brief an mehrere hundert Sufis. Und tatsächlich: die Flamme der Begeisterung sprang vom Brief gleich auf mehrere Empfänger über.

Der erste war Christoph. Er und die weiteren Geldgeber hatten weder uns noch das Grundstück je persönlich gesehen, und doch stellten sie für den Kauf beachtliche Kredite zur Verfügung, und zwar genau in der Höhe, die es noch brauchte. Schon bald, nämlich im Januar 2005, war es dann so weit: der Kaufvertrag wurde unterzeichnet. Als erstes half Christoph uns schon einen Monat später 100 junge Olivenbäume zu pflanzen.
Ganz besonderer Dank gebührt Gerhard, meinem langjährigen Lebensgefährten. Wir beide begannen in den achtziger Jahren mit Meditation. 1995 gründeten wir in Augsburg den ‚Lichtkreis‘, wo wir kostenlose Meditationsabende veranstalteten. Bald darauf waren wir zum ersten Mal auf dem Sufi Sommercamp in den Tessiner Bergen und lernten den Sufilehrer Pir Vilayat Inayat Khan kennen. Wir beschritten diesen mystischen Weg (heute „Inayati Orden“ genannt, siehe www.inayatiorden.de) und verbrachten insgesamt vierzehn schöne und inspirierende Jahre zusammen. Doch das Leben ist Veränderung. 2008, im Lauf einer tiefen Krise, trennten wir uns. Aber obgleich Gerhard heute nicht mehr aktiv in Cala Jami mitwirkt, gilt ihm mein besonderer Dank. Seine Unterstützung trug wesentlich dazu bei, dass das Grundstück tatsächlich erworben werden konnte, vor allem sein enormer finanzieller Einsatz in der Anfangsphase.

Das Land, auf dem später Cala Jami entstand, war tatsächlich das eine Grundstück gewesen, das Gerhard und ich uns während unseres kurzen Urlaubs als erstes angesehen hatten. So hatte sich eins ins andere gefügt, das Land war bereit, und schon tauchte das schöne große marokkanische Rundzelt auf, und bereits im Mai 2005 konnte somit die erste Veranstaltung auf Cala Jami stattfinden: die Einweihungswoche, eine Feier mit Sufi-Gemeinschaft, Meditation, Ausflügen, Wandern, Kochen, Lachen, Feuer unterm Sternenhimmel. Technisch gesehen war auf Cala Jami noch nichts fertig, außer dem großen Rundzelt, zwei einfachen weißen Gartenpavillons (eins nutzten wir als Küche, eins als Bad), und dem von Rüdiger erbauten Plumpsklo mit Aussicht. Aber der unschuldige Anfängergeist und die ungetrübte Begeisterung machten diese Zusammenkunft zu einem besonders freudvollen, unvergesslichen Ereignis.

Selbst das Hämmern, Singen und Fluchen der sardischen Bauarbeiter, die während der Woche den Rohbau des Untergeschosses vom Haus fertigstellten, trübte unsere gute Laune kein bisschen. Am Ende feierten wir mit ihnen ein ausgelassenes Richtfest.

Im Herbst des gleichen Jahres folgte das erste Sufi-Gruppenretreat mit Munir. Weitere schöne Events sollten folgen.

2006 entschloss ich mich, die Sprachenschule, die ich über Jahre in Augsburg aufgebaut hatte, zu verkaufen und nach Cala Jami zu gehen, um mich dem Projekt zu widmen. Mit der großzügigen Geldspritze aus dem Verkauf der Schule konnte im Jahr 2007 unter anderem endlich auch das Untergeschoss des Hauses bezugsfertig ausgebaut werden. Zu Beginn des Jahres 2007, also im Winter, hatte ich noch wildromantisch im großen marokkanischen Rundzelt gelebt und mich wie ein Derwisch gefühlt, besonders als der Sturm mir in einer Nacht das Dach über dem Kopf wegriss. Nach dem ersten Schreck erwies sich alles als halb so wild, half mir doch ein weiterer kräftiger Windstoß noch in der gleichen Nacht, das Dach wieder zu befestigen.

Diese kleine Anekdote scheint mir sinnbildlich zu stehen für die verschiedenen Hindernisse, die kleineren und manchmal auch größeren Katastrophen, welche sich seit 2005 in und um Cala Jami ereignet haben. Alles Verquere löste sich letztlich wieder auf, und scheinbares Unheil erwies sich nicht selten als lehr- oder gar segensreich.
Cala Jami war und ist ein großes Abenteuer, ich bin dankbar und froh darüber, es erleben und mit anderen teilen zu dürfen.